Kontext: 11. September 2001

Die Zwillingstürme sind überall

Ein Sieg über den Terror ist nur möglich, wenn dessen Ursachen bekämpft werden.
Von Uri Avnery (*)

Wenn sich der Qualm verzogen, der Staub gesetzt hat und die anfängliche Wut verraucht ist, wird die Menschheit aufwachen und eine neue Tatsache wahrnehmen: Es gibt auf dieser Erde keinen sicheren Ort.

Eine Handvoll von Selbstmordattentätern hat die Vereinigten Staaten lahmgelegt, den Präsidenten veranlaßt, sich im Bunker unter einem entlegenen Berg zu verstecken, hat der Wirtschaft einen schrecklichen Schlag versetzt, alle Flugzeuge auf den Boden gezwungen, die Ämter des ganzen Landes leergefegt. Das kann in jedem Land passieren. Die Zwillingstürme sind überall.

Nicht nur Israel, die ganze Welt ist voll von Gerede über »Kampf gegen den Terrorismus«. Politiker, »Terrorismusexperten« und ähnliche Leute wollen ihn zerschlagen, zerstören, vernichten usw. - und zugleich dem »Aufklärungsapparat« weitere Milliarden zuschustern. Sie machen glänzende Vorschläge. Aber nichts dergleichen wird den bedrohten Staaten helfen, so wenig wie es Israel geholfen hat.

Es gibt kein Patentmittel gegen Terrorismus. Das einzige Gegenmittel ist, seine Ursachen zu beseitigen. Man kann eine Million Moskitos totschlagen, Millionen weiterer werden sie ersetzen. Um sie loszuwerden, muß man den Sumpf trockenlegen, der sie hervorbringt. Und das ist immer ein politischer Sumpf.

Niemand wacht eines Morgens auf und sagt sich: Heute werde ich ein Flugzeug kapern und mich töten. Und niemand wacht eines Morgens auf und sagt sich: Heute jage ich mich in einer Tel Aviver Disco in die Luft. Eine solche Entscheidung wächst im Kopf eines Menschen langsam heran, braucht Jahre. Und sie kann national oder religiös, sozial und spirituell motiviert sein.

Kein Untergrund kann ohne Wurzeln in der Bevölkerung kämpfen und ohne eine unterstützende Umgebung, die für neuen Nachwuchs, Hilfen, Verstecke, Geld und Propagandamittel sorgt. Eine Untergrundorganisation möchte Popularität gewinnen, nicht verlieren. Deshalb führt sie Anschläge durch, wenn sie glaubt, daß es das ist, was ihre Umgebung möchte. Terroranschläge spiegeln immer eine verbreitete Stimmung wider.

Das gilt auch in diesem Fall. Die Initiatoren der Angriffe entschieden sich für die Verwirklichung ihres Plans, weil Amerika weltweit ungeheuren Haß provoziert hat. Nicht seiner Macht wegen, sondern wegen der Art, in der es diese Macht gebraucht. Es wird gehaßt von den Gegnern der Globalisierung, die es für den schrecklichen Abgrund verantwortlich machen, der sich zwischen den Reichen und den Armen dieser Welt auftut. Es wird gehaßt von Millionen Arabern, weil es die israelische Besatzung unterstützt und damit das Leiden des palästinensischen Volkes. Es wird gehaßt von einer Unzahl von Muslimen wegen seiner anscheinenden Unterstützung der jüdischen Herrschaft über die islamischen Heiligtümer in Jerusalem. Und es gibt noch viel mehr zornige Menschen, die glauben, daß Amerika denen hilft, die sie quälen.

Bis zum 11. September 2001 - ein Tag, an den man sich erinnern wird - konnten die Amerikaner die Illusion hegen, daß all dies nur andere betrifft, an weit entlegenen Orten jenseits der Ozeane, daß es ihr geschütztes Leben zu Hause nicht berührt. Jetzt nicht mehr.

Das ist die andere Seite der Globalisierung: Alle Probleme der Welt betreffen alle. Jegliche Ungerechtigkeit, jegliche Unterdrückung. Der Terrorismus, die Waffe der Schwachen, kann leicht jeden Fleck der Erde erreichen. Alle Gesellschaften können sein Ziel werden, und je entwickelter eine Gesellschaft ist, desto mehr ist sie in Gefahr. Es bedarf immer weniger Menschen, um immer mehr Menschen Leid zuzufügen. Bald wird eine einzige Person ausreichen, einen Koffer mit einer winzigen Atombombe in der Hand, um eine Megastadt mit zig Millionen zu zerstören.

Dies ist die Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts, das diese Woche wirklich begonnen hat. Es muß zur Globalisierung aller Probleme und zur Globalisierung ihrer Lösungen führen. Nicht auf abstrakte Weise, durch alberne Deklarationen in der UNO, sondern durch das weltweite Bemühen, unter Einbeziehung aller Nationen - mit den USA in einer zentralen Rolle -Konflikte zu lösen und Frieden zu schaffen, wobei spielen.

Seitdem die Vereinigten Staaten eine Weltmacht geworden sind, haben sie sich von dem Weg entfernt, den ihre Gründer vorgezeichnet hatten. Es war Thomas Jefferson, der einmal gesagt hat: Keine Nation kann ohne gebührende Achtung für die Meinung der Menschheit auskommen. (Ich zitiere aus dem Gedächtnis.) Als die US- Delegation die Weltkonferenz von Durban verließ, um die Debatte über die Übel der Sklaverei scheitern zu lassen und der israelischen Rechten einen Gefallen zu tun, muß sich Jefferson im Grab umgedreht haben.

Wenn es sich bestätigen sollte, daß die Angriffe auf New York und Washington von Arabern durchgeführt wurden - und selbst wenn nicht! -, muß die Welt endlich die schwärende Wunde des israelisch-palästinensischen Konflikts versorgen, die den gesamten Körper der Menschheit vergiftet. Einer von den Schlaumeiern in der Bush-Administration sagte erst vor wenigen Wochen: »Lassen wir sie doch bluten!« und meinte damit die Palästinenser und die Israelis. Jetzt blutet Amerika. Wer vor dem Konflikt flieht, den verfolgt er, selbst bei sich zu Hause. Die Amerikaner, und auch die Europäer sollten diese Lektion lernen.

Von Jerusalem bis New York ist es nicht weit, und es ist nicht weit von New York bis Paris, London und Berlin. Nicht nur multinationale Konzerne umspannen den Erdball, sondern auch Terrororganisationen. Und ebenso müssen auch die Instrumente zur Lösung von Konflikten globaler Natur sein.

 

Statt der zerstörten Türme von New York müssen jetzt die Zwillingstürme von Frieden und Gerechtigkeit gebaut werden.

 

(*) Uri Avnery gehört der israelischen Friedensbewegung Gush Shalom an.

(Übersetzung: Hermann Kopp)
(entnommen aus www.jungewelt.de)

 

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